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Geschrieben am 30. März 2025 | Abgelegt unter Familie und Freunde, Fortbildungen & Öffis, Highlights, In Memoriam, SFG A-Wurf / A-litter, Zucht / Breeding
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Der Moment, in dem einem bewusst wird wie sehr sich die ganze Arbeit ausgezahlt hat – alle Recherchen, schlaflosen Nächte, Tränen, Freuden, verworfenen Ideen, das Denken über Generationen hinweg – ich rede hier von mehr als einem Jahrzehnt!
Ja, genau so einen Moment hatte ich nun!
Anlass dazu:
Safe Guardian’s Zapphire a.k.a. Hippu’s …
Vater: Snowfire Gems A’Sherlocks VII Sens (Ruby & Avathar)
Mutter: Purple Rain P’tits Loups D’Amour (Talula & Mao)
… DNA wurde bei Embark Vet ausgewertet und der genetische Inzuchtkoeffizient von ihr liegt bei 20 % mit 2x HIGH DIVERSITY am MHC*
Ihr Wurfbruder
Safe Guardian’s Zinnober Gem weist einen COI von 21 % auf, ebenfalls mit 2x HIGH DIVERSITY
Wir erinnern uns: Violane hat einen COI von 21 % und zählt(e) schon zu den niedrigsten innerhalb der Rasse im Jahr 2020 (da es eine dynamische Kurve ist und mittlerweile mehr Züchter das Problem wahrnehmen, gibt es erfreulicherweise nun einen ersten kleinen Shift nach links anstelle von rechts in der Graphik …). Auch wenn sie nicht mehr zu den niedrigsten zählt, so bleibt der genetische Wert trotzdem erhalten. Ich definiere diesen darüber, ob ein Vertreter dieser Rasse rein aufgrund der Abstammung zu möglichst vielen anderen Individuen der Rasse passt oder eben aufgrund möglicher gemeinsamer Vorfahren eben nicht. Ist die Kompatibilität stark eingeschränkt so wird es schwierig bis unmöglich auf andere Kriterien (Gesundheit, Wesen, Arbeitsbereitschaft und Aussehen) zu selektieren oder seine persönlichen Vorlieben in der Zucht einfließen zu lassen. Aus rein populationsgenetischer Sicht ist es sowieso nicht erstrebenswert das jeder mit jedem eng verwandt ist!
Während Violane jedoch auf den Ideen anderer Züchter beruht und durch gezielte Suche ihren Weg zu mir fand; so sind Hippu & Matti das Resultat aus gemeinsamen Plänen über Generationen hinweg.
Was ist der genetische COI eigentlich (ODER Oedipus Rex)?
Nun dieser beschreibt die Wahrscheinlichkeit mit der 2 Kopien auf einem Allel an einem beliebigen Locus bei einem Individuum (Welpe) identisch sind und zwar über gemeinsame Vorfahren von beiden Eltern. Ganz Lapidar ausgedrückt sagt uns dieser Wert in etwa wie sehr die Vaterseite mit der Mutterseite verwandt ist.
20 bzw. 21 % klingt für Anwender von rein Rechnerischen Werten nach viel?
Diese Werte basieren nun mal nicht auf Ahnentafeldaten (die, wie wir alle wissen, fehlerbehaftet sein können – nicht umsonst wurde ja auch der DNA „Elternschaftsnachweis“ in der kontrollierten Rassehundezucht eingeführt), sondern basieren auf DNA Informationen. Je nach Anbieter (Achtung: COI: Embark – Heterozygotie: WisdomPanel, MyDogDNA) werden hierfür 10.000 Marker, welche über das gesamte Genom eines Hundes verteilt sind, herangezogen und ist nach aktuellen Stand der akkurateste Weg diesen Info zu quantifizieren. Bei einem genomischen Rassedurchschnitt von 28 % beim Weissen Schäfer (und vielen Hunden über 30 %, teilweise über 40 %) liegen die vorab erwähnten Hunde um knapp 10 % deutlich darunter.
Der Durchschnitt quer über alle Rassen hinweg
beträgt nach momentanen Stand übrigens ebenfalls 20 %
„Hund’ler“ mit anderen Rassen & Laien fragen sich jetzt sicher warum der durchschnittliche COI innerhalb der Rasse so hoch ist?
Nicht etwa weil die züchterischen Maßnahmen in der Rasse (alle) so schlecht sind, sondern einfach deshalb weil dieser wahrliche Weltenbummler unter den FCI Rassen auf einer sehr kleinen Basis an Hunden aufgebaut wurde. Als „Sahnehäubchen“ oben drauf kam es dann auch noch aus vereinspolitischen Gründen insbesondere 2003 (FCI Anerkennung und Spaltung des gesamten Genpools) und 2007 (das Jahr in dem viele Länder in geschlossene Zuchtbücher gedrängt wurden) dazu, dass die Hunde durch sogenannte Trichteröffnungen gezwängt wurden; die Population aber von da an explosionsartig gewachsen ist. Kurzum: viele Individuen, die aber zu einem Großteil SEHR ENG miteinander verwandt sind – in welcher Ausprägung ist nur jenen bewusst, die sich durchgehend seit der FCI Anerkennung (und bereits davor) damit auseinandergesetzt haben.
Inbreeding 101 – Quantifizierung
Anfangs zu nahezu unerschwinglichen Preisen, ist der genetische Inzuchtkoeffizient vs. der Heterozygotietest nun seit mehr als 10 Jahren auch der Breiten Masse zugänglich. Daher haben wir uns schon vor Jahren von den sehr ungenauen, rechnerischen Werten über nur wenige Generationen distanziert. Die DNA merkt sich einfach sehr viele Dinge, auch weit über die üblichen 5 – 8 Generationen hinaus ;-) Wir können nun mit konkreten Zahlen, quasi eine Art Zuchtwert, arbeiten
Was heisst das für uns?!
Das wir unsere Visionen noch nicht erreicht haben, aber definitiv auf den richtigen Weg sind. Unser Kurz- bis Mittelfristiges Ziel ist es diese Werte auf < 20 % zu bekommen unsere mittel- bis langfristige Ziele sind, dass wir uns bei 10 % einpendeln. Dies ist nämlich ein vertretbarer Wert bei robusten Rassen (wie zB bei der einen oder anderen Jagdhunderasse, bei der die Funktionalität im Vordergrund steht).
Wir haben unsere Zucht auf Hunden mit unterdurchschnittlichen COI Werten innerhalb der Rasse aufgebaut und konnten diese nachweislich senken. Das alles neben den weiteren wichtigen Kritieren wie oben schon erwähnt.
Das einzige was ich heute zutiefst bereue ist nicht auch Ruby noch damals zu Lebzeiten getestet zu haben – uns würden (sonst) damit nun Daten aus 4 Generationen vorliegen – was wir aber definitiv wissen, ist das sich der immense Aufwand Ruby nach Europa zu holen ausgezahlt hat – sie brachte 7 Fremdblutlinien bis in die 7. Generation mit und hat massgeblich zum Erhalt des Zuchtwerts selbst noch ihrer Enkelkinder beigetragen.
7C’s Fire Queen Platin for TNT // Ruby – COI UNKNOWN (schätzungsweise lag dieser zwischen 21 – 25 %)
— Shadow COI 23 %
—— Hippu COI 20 % vs. Matti COI 21 %
——— Hippu’s Welpen COI 18 %
Letzteres ist der Verdienst eines anderen Züchter alleinig, zeigt aber wie wichtig es ist die Linien in die richtigen Hände zu geben, denn …
Genetische Diversität ist die Würze des Lebens!
Nun aber zur alles entscheidenden Frage warum wir soviel Wind um diese Werte machen…
– Ja ein Grund mag wohl sicher der sein, dass wir nun in Zahlen darstellen können, was das Hirn von nur wenigen Leuten (mich hier leider auch nicht eingeschlossen) bzw. auch nur sehr wenige Datenbanken erfassen können UND ZWAR 2.147.483.646 (also 2 Milliarden!) potentielle Vorfahren bis in die 30. Generation eines Hundes.
Warum 30 Generationen? Die Hunde im Snowfire Gems Team gehen alle nachweislich um die 30. Generation herum auf die Rasseanfänge mit Horand von Grafrath bzw. Greif Sparwasser zurück.
Warum potentielle Vorfahren? Es ist denke ich selbstredend, dass es weder 2 Milliarden Weisse Schäferhunde, noch Deutsche Schäferhunde, noch beides zusammen gegeben hat – die tatsächliche Anzahl ist auch mir nicht bekannt, aber aufgrund der unzähligen Inzuchten und Linienzuchten gerade zu Anfangszeiten, reduziert sich die Anzahl der möglichen Individuen dramatisch! Teilweise wurden ganze Schenkel in retrograder Linie gleich 0 gesetzt und der COI damit jedes Mal in die Höhe getrieben! Insbesondere auch dann wenn nur wenige (Champion)Rüden innerhalb der Rasse verwendet werden (für die Auswirkungen des sogenannten Popular Sire Syndrom gibt es übrigens eine Formel zur Berechnung von Sewell Wright). Dies ist aber nicht nur bei dieser Rasse so, sondern bei nahezu allen Hunden, ja selbst beim Menschen (was allerdings keinesfalls eine Entschuldigung oder gar Rechtfertigung dafür ist)!
– ein weiterer Grund ist, dass mit diesen Zahlen nun ein Vergleich zu Hunden in Ländern mit geschlossenen Zuchtbüchern erfolgen kann und dessen dramatische Auswirkungen offensichtlich werden. Wie sagte mal ein bekannter Züchter einer anderen Rasse: „Papier ist geduldig“ … tja – das Genom ist da weniger flexibel!
– Mit der Berücksichtigung des COI kann auf lange Sicht eine Reduktion der Risiken für genetische Erkrankungen erfolgen
– Ein weiterer, wenn nicht sogar DER SCHLÜSSELGRUND für mich ist die Lebenserwartung die mit einem niedrigen COI einhergeht. Alleine bei der Lebenszeit wurde über mehrere Rassen hinweg nachgewiesen, dass sich diese pro 10 % mehr COI definitiv an Lebensmonaten verkürzt und umgekehrt.
– Allergien und Autoimmunerkrankungen?! Auch diese scheinen einen Zusammenhang mit dem Inzuchtkoeffizienten sowie dem MHC* zu haben, auch wenn der Mechanismus noch nicht hinlänglich geklärt bzw. validiert ist.
Kurzum: je höher der COI Wert desto kleiner werden die Würfe über Generationen, desto mehr Missbildungen gibt es, desto langsamer wachsen die Welpen, desto mehr reduziert sich die Fertilität, desto niedriger wird die Resistenz gegen Erkrankungen und desto kürzer ist die Lebensdauer.
Leider gibt es noch keinen einheitlichen wissenschaftlichen Konsensus zwischen den Anbietern, weshalb man sich im Vorhinein entscheiden sollte bei wem man diese Auswertung vornimmt. Ansonsten kann man keine Vergleiche vornehmen. Feragen zB konzentriert sich mehr auf die Heterozygotie und nicht den COI, weshalb für letzteres nur lange Abschnitte (also nur Inzucht in den letzten 6 Generationen ausgewiesen werden / Stand 2022), während Embark auch kleinere Abschnitte berücksichtigt (also auch Inzucht in sehr, sehr weiter Vergangenheit bis 50 Generationen). Jeder muss selbst entscheiden ob er lieber mit COI oder Heterozygotie arbeiten möchte, aber ein genetischer(!) COI der nur lange Abschnitte berücksichtigt ist für mich persönlich Nonsense!
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* MHC = Haupthistokompatitibiltätskomplex, also Gruppe von Genen, welche Proteine codieren die für die Immunerkennung & Immunindividulität wichtig sind
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Mehr Infos zum Thema:
- Inbreeding of Purebreed Dogs determined by DNA
[Institute of Canine Biology, Beuchat C, 2016] - The costs and benefits of Inbreeding
[Institute of Canine Biology, Beuchat C, 2014] - What Level of Inbreeding is Safe?
[Institute of Canine Biology, Beuchat C, 2024] - Extinction Risk of Dog Breeds
[Institute of Canine Biology, Beuchat C, 2016] - Die Sache mit der Inzucht
[Prof. Sommerfeld-Stur] - Kreuzungszucht
[Prof. Sommerfeld-Stur] - Popular Sires
[Prof. Sommerfeld-Stur] - Fragebogenstudie zur Untersuchung des Gesundheitszustandes der Hunderasse Weisser Schweizer Schäferhund (zwischen 1989 – 2010)
[Parteli B, 2011] - Inbreeding and genetics. Advances in the study of genetic disorders.
[Alvarez et al, 2011] - Darwin was right: inbreeding depression on male fertility in the Darwin family.
[Alvarez et al 2015] - Longevity in the Standard Poodle. The Canine Diversity Project.
[Armstrong JB, 2000] - The effect of inbreeding, body size and morphology on health in dog breeds.
[Bannasch et al, 2021] - MHC / DLA class II risk haplotypes for autoimmune diseases
[Gershony et al, 2019] - Frequence and distribution of alleles of canine MHC-II DLA-DQB1, DLA-DQA1 and DLA-DRB1 in 25 representative American Kennel Club breeds
[Angles et al, 2005] - Inbreeding and longevity in Bernese Mountain Dogs
[Long P & B Klei, 2009] - Life expectancy and causes of death in Bernese mountain dogs in Switzerland
[Klopfenstein et al, 2016] - Inbreeding impact of litter size and survival in selected canine breeds
[Leroy et al, 2015] - The genomics of selection in dogs and the parallel evolution between dogs and humans
[Wang et al, 2012] - Pedigrees or markers: Which are better in estimating relatedness and inbreeding coefficient?
[Wang J, 2016] - Estimation of the Inbreeding Coefficient through Use of Genomic Data
[Leutenegger et al, 2003] - Genetic Panel Screening of Nearly 100 Mutations Reveals New Insights into the Breed Distribution of Risk Variants for Canine Hereditary Disorders
[Donner et al, 2016] - Breed Specific COI
[Embark Vet, Stand: 2023] - MyDogDNA, Heterozygosity (Rasseübersicht)
… und last but not least
Leider vor einigen Jahren Offline genommen
das bis Dato größte Projekt zu Gesundheitsinfos der Rasse